Prof. Dr. Pink über das Teilprojekt D14 und ihren Forschungsschwerpunkt

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  • hochgeladen 30. Januar 2018

Prof. Dr. Pink über das Teilprojekt D14 und ihren Forschungsschwerpunkt
 
Frau Prof. Dr. Johanna Pink setzt in ihrem Projekt den Forschungsschwerpunkt auf arabisch-muslimische religiöse Diskurse zwischen dem späten 19. Jh. bis in die 1990er Jahren. Mit ihrem Teilprojekt knüpft sie an den Themenschwerpunkt des Sonderforschungsbereichs 948 an, indem sie insbesondere auf die Entstehung einer spezifischen, koranbasierten Semantik des Heroischen sowie deren Transformation durch die sich allmählich etablierenden Reformbewegungen eingeht. Für dieses Vorhaben untersucht sie spezifische Termini, die sich um den Begriff des abrwas auf Deutsch ursprünglich so viel wie das stille Erdulden des von Gott Auferlegten bedeutet, reihen und mit diesem im Zusammenhang stehen.
Eine solche Heldensemantik lässt sich, so die These von Frau Pink, durch einen jenen Reformbewegungen zugrundeliegenden Wandel hin zu einem aktivistischen Menschenbild, belegen. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass, stellvertretend für Gott, nun dem Menschen die Verantwortung für die Errichtung einer islamischen Gesellschaft zugesprochen wird. 
Um diese Entwicklung fundiert nachzuzeichnen, spannt das Projekt einen Bogen um die vielzähligen und einflussreichen Reformideen, beginnend mit Muhammad ʿAbduh um 1884 bis hin zu der Entstehung der dschihadistischen Salafiyya in Ägypten und Afghanistan ab den 1970er Jahren.
 
 
Prof. Dr. Pink: Mein Projekt setzt daran an, dass bisher noch keine Grundlagenforschung zu Heldentum, Heldenbilder und Heldensemantik im neueren oder modernen Islam, jenseits des Themas Märtyrer, existiert. Zu Letztgenannten finden wir bereits einige Forschungsbeiträge, aber was es sonst für Begriffe und Konzepte gibt, wie sie verwendet, mit was für Termini sie verknüpft werden und wie sie semantisch und auch religiös aufgeladen sind, dazu gibt es keine grundsätzliche und übergreifende Forschung.
Da ich meinen Forschungshintergrund in der modernen und neueren muslimischen Koranexegese habe, möchte ich hier ansetzen und mir anschauen, wie sich die Semantik bestimmter koranischer Begriffe im Zuge von Reformbewegungen gewandelt hat. Ich spreche u.a. von einer Reformbewegung  die im späten 19. Jahrhundert einsetzte und sehr stark an den Koran angeknüpft hat, was wiederum in sich auch schon eine neue Entwicklung war. Diese Bewegung propagierte, unter Heranziehung koranischer Termini, ein bestimmtes Menschen- sowie Gesellschaftsbild und bestimmte Ziele. Es ging darum, dass zum Einen die muslimischen Gesellschaften als rückständig und gegenüber den europäischen Gesellschaften als unterlegen empfunden wurden, und, dass zum Anderen spätestens Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts in Ägypten die Erfahrung direkter militärischer Besatzung durch Großbritannien gemacht wurde. Dies führte dazu, dass man innerhalb dieser Bewegung das Gefühl hatte, man müsse darauf reagieren, indem man die Muslime dazu aufruft sich aus ihrer empfundenen Passivität zu lösen, sich zu entwickeln und militärisch zu reagieren. Dieser Appell sollte mithilfe von Bildung sowie der Übernahme von Technologien und westlichem Denken usw durchgesetzt werden. Diese Botschaft wurde den Muslimen anhand bestimmter Versatzstücke und Segmente aus dem Koran zu verkaufen versucht.
In dieser Entwicklung taucht ein Begriff wiederholt auf, nämlich der Begriff des abr. Das bedeutet erst einmal so viel wie "Geduld" und wurde in religiösen Diskursen als die Tugend des geduldigen Ertragens beschrieben: das Ertragen von dem, was Gott einem auferlegt hat.
In den Diskursen, die um die Wende zum 20. Jahrhundert und somit im Rahmen der fortschreitenden Reformbewegungen entstehen, wird abr nun aber auf einmal ganz anders verwendet, nämlich als Beharrlichkeit. Dies bedeutet, dass man die Anstrengung unternimmt, den Rückstand gegenüber dem Westen aufzuholen und dabei nicht aufgibt. Hierbei handelt es sich auf einmal um etwas sehr viel aktiveres als bei der ursprünglichen Bedeutung des passiven Erduldens eines göttlichen Schicksals. Es geht nunmehr darum, dass menschliche Gesellschaften und einzelne Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und daraufhin sowie gerade deswegen auch von Gott belohnt werden.

 
Meine Hypothese, der ich nachgehen möchte, ist, dass dies eigentlich die Grundlage gebildet hat für spätere djihadistische oder sonstige kriegerisch ausgerichtete muslimische Diskurse im 20. Jahrhundert, zum Beispiel im Zuge der Muslimbruderschaft. Insofern möchte ich zunächst einmal schauen, wie die Figuren, die diese Reformbewegung begründet haben mit dem koranischen Konzept abr umgegangen sind und was für andere Begriffe sie damit verknüpft haben. Weiterhin untersuche ich, in welchem Zusammenhang dieser Begriff zu Kampf und zu militärischen Leistungen steht und wie dies dann später möglicherweise aufgegriffen wurde.

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