Ostmitteleuropa zwischen den Weltkriegen, 1918-1939

Am Ende des 1. Weltkriegs kam es in Russland zur Revolution, das Österreichisch-Ungarische Reich der Habsburger löste sich auf, und Deutschland war durch seine Niederlage im Krieg sehr geschwächt. Infolgedessen wurde Ostmitteleuropa zu einer Region kleinerer Staaten von Nationen, die sich entsprechend ihrem Selbstverständnis nach langer Fremdherrschaft zu politischer Eigenständigkeit befreit hatten. Im nördlichen Bereich entstanden Estland, Lettland und Litauen, Polen und die Tschechoslowakei, in der Mitte bestanden Österreich und Ungarn als verkleinerte Staaten weiter, und im Süden unterlagen auch die Nachfolgestaaten des Osmanischen Reichs großen Veränderungen: Bulgarien wurde kleiner, Rumänien viel größer, Serbien schloss sich mit anderen Nationalitäten zu Jugoslawien zusammen, und nur das kleine Albanien behielt sein Vorkriegsterritorium bei. Mit Unterstützung der Siegermächte des Weltkriegs wurden überall zunächst demokratische Ordnungen eingeführt, die bei den Bevölkerungen große Erwartungen weckten. Doch nun mussten sich alle Staaten gegen die beiden Großmächte im Westen und Osten,

Deutschland und die Sowjetunion, behaupten, und sie bekamen auch sofort zu spüren, wie gegensätzlich sie untereinander waren. Nicht nur hatten sie im 1. Weltkrieg auf verschiedenen Seiten gestanden, sondern es gab auch immense Unterschiede in ihrer Größe, Religion, wirtschaftlichen Entwicklung, Bevölkerungsstruktur und historischen Tradition. Schon bei der Ziehung ihrer Grenzen in der Zeit nach dem Krieg gerieten sie zum Teil in heftige Konflikte untereinander, die oftmals durch kriegerische Auseinandersetzungen ausgetragen wurden. Meistens schwelten diese Konflikte während der ganzen Zwischenkriegszeit weiter und erschwerten die Zusammenarbeit. In vielen dieser Staaten gab es nationale und jüdische Minderheiten, die ihre Interessen geltend machten, was als Reaktion bei den Vertretern der Staatsnationen zu wachsendem Nationalismus führte. Auch wirtschaftliche Schwierigkeiten ließen die Skepsis gegenüber den Demokratien wachsen. Die politischen Sitten waren rau, und in fast allen Staaten Mittelosteuropas kamen im Lauf dieser 20 Jahre Diktatoren oder autoritäre Herrscher an die Macht, die mit dem Anspruch auftraten, dass nur sie eine Politik im Interesse ihres Landes durchsetzen könnten. Trotzdem wurden überall weiterhin Diskussionen über das Selbstverständnis der eigenen Nation und über ihre Rolle in der Geschichte geführt. Diese Fragen verloren zwar an Bedeutung, als ein großer Teil dieser Länder im 2. Weltkrieg durch das nationalsozialistische Deutschland besetzt und nach dem Krieg zu Satellitenstaaten der Sowjetunion wurde, aber nach 1989 wurden sie wieder aktuell und sind es bis heute.