Führen die vielzähligen Reformbewegungen zur Spaltung innerhalb der Gesellschaft?

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  • hochgeladen 30. Januar 2018

Führen die vielzähligen Reformbewegungen zur Spaltung innerhalb der Gesellschaft?
 
Das Forschungsvorhaben beleuchtet eine sehr breit gefächerte Zeitspanne, in welcher zahlreiche Reformideen und -konzepte aber auch gesellschaftliche Umbrüche sowie politische Veränderungen erfolgt sind. Dies führt unweigerlich zu der Frage, ob und inwiefern solche teils parallel verlaufenden und auf Erneuerung abzielenden Bewegungen zu einer Spaltung innerhalb der Gesellschaft geführt haben.
 
 
Prof. Dr. Pink: Es ist sehr schwer bei dieser Frage generalisierende Aussagen zu machen. Aber die Diagnose einer gesellschaftlichen Spaltung existiert natürlich. Sie setzt schon im 19. Jahrhundert mit der Frage an, wie viel Übernahme westlicher Institutionen, Werte, Gewohnheiten usw. wollen wir eigentlich? Dann gibt es andererseits zum Beispiel Herrscher, die etwa in der Justiz oder im Bildungswesen ganz stark Reformmaßnahmen durchsetzen. Es gibt aber dabei auch immer wieder Bevölkerungsschichten, die bei diesen Maßnahmen gar nicht mitgenommen werden und somit überhaupt keinen Zugang zu diesen reformierten Institutionen erhalten. Und es gibt auch welche, die diese Maßnahmen ablehnen. Das sind im Prinzip alles Probleme, die sich bis heute durchziehen und die folglich eine lange Geschichte haben, auch eine lange Geschichte von staatlichen und nichtstaatlichen Versuchen,  damit umzugehen, diese Probleme irgendwie zu lösen. In manchen Gesellschaften erfolgreicher, in manchen weniger erfolgreich. Was man feststellen kann, und hier setzt auch der andere Teil des Projekts an, ist, dass die Reformmaßnahmen spätestens im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts sehr heftige und oft auch bewaffnete Konflikte auslösen.
 
Olmo Gölz: Man kann das auch in Begrifflichkeiten von "Debatte" o.Ä. fassen. Dass es beispielsweise eine Auseinandersetzung gibt, wenn jemand hervortritt und sagt, 'ich verstehe Religion als Folgendes' und darüber eine Rede entsteht. In solchen Situationen gibt es immer Leute, die das vorher anders aufgefasst haben. Das ist im islamischen Raum genau so, wie im europäischen Raum. Man muss sich immer davor hüten, als erstes an Spaltung zu denken, sondern zunächst einmal schauen, wie die Debatte gelaufen ist und wie die öffentliche Rede darüber war. Erst dann kann man in bestimmten Momenten von einer Eruption oder einer Disruption, wie zum Beispiel einer Revolution sprechen, die dann auf Grundlage von solchen Ideologien getragen wurden.
 

 
Prof. Dr. Pink: Wobei man auch sagen muss, dass die Frage, ob etwas tatsächlich zur Spaltung führt, auch sehr viel damit zu tun hat, inwieweit das System eine solche Debatte zulässt oder aber komplett unterdrückt. Der revolutionäre Islamismus in Ägypten, den ich primär verfolgen werde, ist ganz klar deswegen so radikal geworden, weil er in einem System agiert hat, das ihn komplett unterdrückte und dies  zu einem Zeitpunkt als er eigentlich noch nicht so radikal war und durchaus noch ein Diskurs möglich gewesen wäre. Stattdessen kam die brutale Unterdrückung und diese  hat dann natürlich zu einer ganz massiven Radikalisierung geführt und letztlich durchaus zu einer Situation, die man als Spaltung bezeichnen könnte. 

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