Neues aus der Kultur WS21.22 05 Klinkert

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Prof. Dr. Thomas Klinkert
Der Zusammenhang von Erinnern und Reisen bei Marcel Proust

Prousts „Recherche“ ist ein Roman der Erinnerung und ein Roman des Reisens. Die beiden Phänomene sind eng miteinander verbunden. Zunächst sind da die imaginären Reisen, die der Protagonist als Kind mit Hilfe des Eisenbahnfahrplans unternimmt. Dann kommen die tatsächlichen Reisen, die systematisch die Erwartungen des Jugendlichen oder jungen Erwachsenen enttäuschen, der einst als Kind davon träumte, nach Balbec oder Venedig zu reisen. Der Text stellt somit eine Erinnerungsbeziehung her, die mit dem Reisen zusammenhängt. Schließlich sind da die Reisen, die durch die unwillkürliche Erinnerung wieder vergegenwärtigt werden: Man denke an die unebenen Pflastersteine im Hof des Hôtel de Guermantes, über die das erlebende Ich bei der Matinée Guermantes stolpert und die ihn an die unebenen Bodenplatten des Baptisteriums von San Marco erinnern und ihm gleichzeitig ein köstliches Vergnügen bereiten. Die Erinnerungsarchitektur des Proust'schen Romans ist somit eng verknüpft mit Reiseerfahrungen. Dieser Vortrag möchte anlässlich des 150. Geburtstages von Marcel Proust (1871-1922) die systematische Beziehung zwischen Reisen und Erinnern und die poetologische Funktion dieser Beziehung in der „Recherche“ untersuchen.

Thomas Klinkert ist seit 2015 Ordentlicher Professor für Französische Literaturwissenschaft am Romanischen Seminar der Universität Zürich.

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