Freiburger Wintervorträge WS 20.21 09 Renner

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  • hochgeladen 10. Dezember 2020
  • ----------------------------- Online bis zum 23.12.2020 -----------------------------

    Prof. Dr. Rolf G. Renner (Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literatur)
    Edward Hopper als amerikanischer Maler

    „Vielleicht bin ich nicht sehr menschlich. Mein Anliegen bestand darin, Sonnenlicht auf einer Hauswand zu malen“. Anders als es diese Äußerung vermuten lässt, ist in Hoppers Bildern das malerische Kalkül mit Bildentwürfen verbunden, auf die sich das Gefühl spontan einstimmen kann. Sein Versuch, Korrespondenzen zwischen inneren Erfahrungen und malerischen Sehweisen zu erfassen, Blick und Bild zur Deckung zu bringen, folgt einem für die Moderne typischen Bedürfnis: Er will die im Prozess der Zivilisation verschüttete Fähigkeit zur authentischen Wahrnehmung wiedergewinnen.
    Der Autor Peter Handke vergleicht die Landschaften Hoppers mit den „leeren metaphysischen Plätzen de Chiricos“ und den „verödeten mondüberstrahlten Dschungelstädten Max Ernsts“. Er erfasst damit eine psychologische Spur, deren Bedeutung im Spätwerk Hoppers zunehmend Gewicht erhält. Auch die Darstellung des weiblichen Aktes, die Hoppers Gesamtwerk durchzieht, führt nach impressionistischen Anfängen in der Frühzeit später zu psychologisch suggestiven Bildern, die eine Geschichte zu erzählen scheinen.
    In Hoppers Landschaftsansichten, die vor allem für den Übergang von der impressionistischen, französischen zur frühen amerikanischen Periode charakteristisch sind, treten schon früh neben die reinen Landschaftsbilder Bildkompositionen, die Natur und Zivilisation in einer spannungsvollen Beziehung zeigen. Im mittleren und späten Werk des Malers gewinnt dies noch mehr Bedeutung.
    Bereits 1914 lässt Soir Bleu darüber hinaus eine auffällige psychologische Codierung erkennen. Sie erscheint wie eine unbewusste Vorwegnahme von Hoppers letztem Bild aus dem Jahr 1965, in dem der Maler nicht nur sich und seine Frau darstellt, sondern zugleich einen ebenso ironischen wie melancholischen Blick auf das eigene Leben eröffnet. Damit betont Hopper neben seiner Identität als amerikanischer Künstler auch die psychologisch lesbare Inschrift, die sein Werk insgesamt prägt.

    Referent/in:

    Prof. Dr. Rolf G. Renner (Deutsches Seminar – Neuere deutsche Literatur)


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